SPIELZEIT 2013 / 14
»Und dann geschah eines Nachts das Unglück. Es war Frühling und die Gute-Nacht-Geschichte erzählt, und Jane war in ihrem Bett eingeschlafen. Wendy saß auf dem Fußboden, ganz nah am Kamin, um so stopfen zu können, denn im Kinderzimmer war kein anderes Licht an; und während sie dasaß und stopfte hörte sie ein Krähen. Dann wurde das Fenster wie damals aufgeweht und Peter ließ sich auf den Fußboden fallen. Er war unverändert, und Wendy sah sofort, dass er noch alle Milchzähne hatte. Er war ein kleiner Junge und sie eine Erwachsene. Sie kauerte sich am Fenster zusammen und wagte nicht, sich zu rühren…« (J.M. Barrie aus Peter Pan)
Hier ist sie wieder, die Sehnsucht nach einem Zeitstillstand, nach ewigem Spiel und nach Schwerelosigkeit. Wer Peter Pan nach Nimmerland folgt wie Wendy, Michael und John, findet sich nach einem gefährlichen Flug durch Nacht und Sturm in einem Land ohne Zeit, in dem man mit Elfen spielen und gegen Piraten kämpfen kann so viel man will. Doch je länger man Peter Pan auf seinen Abenteuern folgt, desto mehr vergisst man, wer man ist und woher man kommt. Denn Erinnerung lässt wachsen und größer werden, und genau das will Peter Pan nicht.
In Michael Endes Momo betrügen die Grauen Agenten die Menschen mit Verträgen bei der Zeitsparkasse um ihre Lebenszeit. Mr Darling aus Peter Pan wäre ihr erstes Opfer: abgehetzt und voller Angst, seinen Pflichten und eigenen und fremden Ansprüchen nicht zu genügen, verschließt er sein Herz gegenüber Müßiggang und Tagtraum. seine angst entlädt sich in verzweifelter Wut. Wie ihm geht es vielen Menschen, die in der digitalisierten Welt keine Haltepunkte mehr finden. Eine Welt, welche bestimmt ist vom Verlust von Zeit für zwischenmenschliche Begegnungen, Geringschätzung des »zweckfreien« Tuns, vom Streben nach Gewinn und Erfolg ohne Rücksicht auf Moral und Umwelt und die eigene Seele. »Doch nur im Herzen der Menschen ist die Zeit lebendig«, lehrt Hora die kleine Momo.
Mehr als dreihundert Kinder und Erwachsene folgten im Frühjahr 2013 dem Aufruf der Jungen Oper, demonstrierten in der Stuttgarter Innenstadt gegen die Zeitdiebe und holten tags darauf im Opernhaus die große Versammlung nach, welche in Michael Endes Roman leider nie stattfindet, denn die Grauen Agenten lassen den Menschen einfach keine Zeit dazu. Theater und Wirklichkeit vermischten sich auf wunderbare Weise: Während sich die größeren mit Unendlichkeit beschäftigten, kristallisierte sich bei den kleineren ein ganz klarer Wunsch heraus: mehr Zeit zum Spielen, am liebsten gemeinsam mit den Eltern.
Theater ist Spiel und Ernst zugleich, lässt das unmögliche Denken, das unhörbare Hören. Es lässt uns innehalten und in uns selbst hineinhorchen. Der Augenblick dehnt sich aus im Klang, die Zeit scheint stillzustehen und für Augenblicke sind wir aufgehoben in einem Nimmerland. Und vielleicht verschiebt sich etwas in unserer Wahrnehmung der Welt, von uns selbst, der anderen.
Mit der Uraufführung von Peter Pan auf der bühne des Opernhauses, mit weiteren Vorstellungen der Jugendoper Momo, dem Projekt Nimmerland, in dem blinde und sehende Kinder und Jugendliche ihren Bildern von Nimmerland Form und Klang geben, mit dem Kompositionsworkshop zu Mark Andres neuer Oper Wunderzaichen, einem akustischen Roadtrip über das Abenteuer der Identität, mit Sitzkissenkonzerten für die Kleinsten und vielen, vielen Workshops, welche die Sinne öffnen für eigene »Hör-Sichten« auf das Bühnengeschehen hofft die Junge Oper, Zeitkristalle schenken zu können. Und wieder gibt es viele Möglichkeiten für Kinder und Erwachsene, selbst mit Profis auf der Bühne zu stehen.
Wir freuen uns auf euch und über die Zeit, die ihr uns,
unseren Künstlern und euch selbst schenkt!
Barbara Tacchini
und das Team der Jungen Oper