Chor der Jungen Oper
„Ich wusste gar nichts von Oper. Ohne meine Freundin wäre ich nie zum Casting mitgegangen, ich hab gezittert wie nur etwas", erzählt Melanie lachend. Nun ist sie schon seit drei Jahren im Chor der Jungen Oper dabei. Ihr erstes Projekt war Mozarts „Zaïde", dann ein Auftritt beim Kinderfest, die „zeitoper VII - Zivilcourage", sogar ein Auftritt beim Weihnachtskonzert mit dem Kinderchor der Staatsoper Stuttgart auf der großen Bühne ergab sich daraus. „Mich hat das viel selbstbewusster gemacht. Jetzt liebe ich es, auf der Bühne zu stehen und zu singen, es hat in meinem Leben eine ganz neue Sprache eröffnet, und ich habe jetzt auch schon mal überlegt, ob ich das beruflich machen möchte." Rund dreißig ChorsängerInnen zwischen 15 und 25 Jahren singen und spielen noch bis zum 7. Juli in den Vorstellungen der Oper „Gegen die Wand" im Kammertheater mit. Für jedes Opernprojekt kann man sich neu bewerben. Manche bleiben nur für eine Produktion dabei, andere wie Melanie, David oder Verena kommen immer wieder: „Spätestens nach drei Tagen kriege ich Entzugserscheinungen." „Es ist mehr als ein Hobby", erklärt Lucie. „Naja, im Oktober, da haben wir uns jeden Mittwochabend zur musikalischen Probe getroffen, das gilt ja noch als Hobby. Doch nun, wo die Pfingstferien und damit die Intensivproben beginnen, ist es mehr, es ist ..", sie sucht nach Worten „es ist ... richtig". Seit die Junge Oper vor rund dreizehn Jahren gegründet wurde, bestreiten Kinder und Jugendliche sämtliche Chorpartien. Und aus jedem Jahrgang finden welche den Weg in die Hochschulen für Musik und Theater.
Die Jugendlichen kommen gerade von der Probe. „Es war sehr toll!" Alle lachen. „Wir haben die Schluss-Szene von „Gegen die Wand" geprobt. Da kommen wir als ganze Gruppe in den Zuschauerraum und singen das türkische Lied „Su karsiki". Es ist schön, traurig und hart zugleich." Hart? „Ja". Jetzt ist Elif gefragt, die türkisch spricht: „Cahit fragt Sibel, komm doch mit nach Mersin, wir fangen da ein neues Leben an. Aber sie sagt, tut mit leid, ich kann nicht. Die erste Strophe des Liedes ist sehr hoffnungsvoll, „dort drüben auf dem Berg brennt ein Leuchtfeuer". Die zweite Strophe aber ist sehr tragisch, „mögen die Berge glücklicher sein als ich". „Wir stellen uns den Zuschauern. Wir verteidigen die Liebe", sagt Anna. „Allerdings nicht von Anfang an", ergänzen andere. „Wir spielen eigentlich uns selbst, aber in unangenehm cool. Eine Gesellschaft, die ignorant, spaß- und selbstsüchtig wertet über Cahit und Sibel. Die den Plan verlacht, sich mit einer Scheinehe die Freiheit zu erkaufen, und erst recht die plötzliche Liebe. Doch zuletzt denken wir um." „Ja", fasst Berkem zusammen, „das war eine Reise für jede einzelne Figur zu sich selber. Und am Ende ist es eine Art Trotz, egal was die anderen denken – das bin ich, das habe ich mitgemacht im Leben."
Neben Profisängern auf der Bühne zu stehen, ist nur ein Aspekt der Projektarbeit in der Jungen Oper. Nicht minder aufregend ist es zu erleben, wie eine Inszenierung erarbeitet wird und dabei eine Rolle spielen zu dürfen. „Das Besondere bei der Jungen Oper," sagt David, „sind auch die Inhalte der Stücke. Einerseits ist man der Lehrling, man wird nicht wie die Profis bezahlt, hat keine Hauptrolle, aber es geht um brennende gesellschaftliche Themen, bei denen wir die wichtigsten sind. Es ist cool, dass wir so den Profis wieder was zurückgeben können." Gegeben durch ihre besondere Rolle in Neco Çeliks Inszenierung der deutsch-türkischen Oper „Gegen die Wand" haben die Jugendlichen einen intensiven kreativen Prozess miterlebt. Und sind begeistert. „Bei Neco Çelik finde ich, dass er am bisher persönlichsten mit uns umgeht, dass er sich wirklich für uns interessiert, das ist die größte Herausforderung, da müssen wir am meisten bei uns selbst graben, das gefällt mir am besten."
Gespräche gaben die Grundlage für die Haltung der Figuren, dann war Eigeninitiative gefragt. „Das ist in den Aufführungen bei uns in der Schule nie so, da wird gesagt, du stehst jetzt dahin und machst das und gehst dann da rüber, aber bei Neco Çelik wird wirklich ausprobiert, wir suchen gemeinsam immer weiter, da lernt man einfach was."
Harte Arbeit ist das bisweilen, da sind sich alle einig. Geduld ist nötig, wenn man hinter der Bühne schweigend auf den Auftritt warten muss, Konzentration, auch wenn die Szene auf der Probe stoppt und der Regisseur sich gerade mal nicht dem Chor widmen kann. Doch auf die Frage nach dem Gewinn sprudeln die Antworten:
„Man kann das raushängen lassen, was man im Alltag nicht so raushängen lassen kann, so ganz crazy oder so." – „Und wenn dann erst die Kostüme dazukommen! Ich fand das witzig, dass in „Zaïde" auch Socken beim Kostüm dabei waren, ich hatte nicht meine Socken an, sondern die Socken der Person, die ich spielte. Ich war eine andere Person, mit allen Konsequenzen." – „Man kann Energie ablassen, die sich im Alltag anstaut, z.B. wenn man eine Schreiszene hat." – „Neben dem Stress ist es eigentlich ein totaler Luxus!"
„Es bedeutet mir immer mehr", meint Anna zum Schluss. Und Isabel ergänzt, fast andächtig: „Das Gefühl einer großen Familie, dass man hier eine Art Seelenverwandte findet, Leute mit gleichen Interessen, die Künstler sind ..."
Das Interview führte Barbara Tacchini