ES IST ZEIT!
Anstatt einer Handlung
Das weltliche Oratorium Der Triumph von Zeit und Enttäuschung stellt im Libretto die These auf, dass der ewige Wunsch nach Schönheit und Jugendlichkeit ein Trugschluss sei. Ist das so? Wir wissen, dass die Zeit Vergangenheit schafft, und jugendliche Schönheit dem Alter weichen muss. Der Titel des Oratoriums ist unmissverständlich.
Aber muss die Schönheit der Zeit erliegen? Und warum im Triumph?
Das weltliche Oratorium entwickelt dank vier allegorischer Figuren ein moralisches Drama, indem Schönheit, Vergnügen, Zeit und Enttäuschung sich in einem Disput als Kontrahenten gegenüberstehen.
In dieser Inszenierung stellen die Allegorien vier Charaktere dar und Händels Musik verleiht ihnen auf eine konkrete Weise eine bildhafte Intimität. Die drei Sängerinnen und der Sänger künden von den Vorzügen und Nachteilen des jeweils anderen.
Im Mittelpunkt steht das Paar Schönheit und Zeit. Es versucht seiner zunehmenden Entfremdung Herr zu werden. Sie, die glaubt immer schön bleiben zu können um ihm zu gefallen. Er, der sie deswegen zurückweist, und auffordert ihrem wahren Alter ins Gesicht zu sehen. Die Sturheit treibt die Schönheit in die Arme von Vergnügen. Diese schwört ihr als Freundin ewige Treue und bietet ihr die nötigen Hilfsmittel an. Doch auch diese Hilfsmittel dienen nur der Zerstreuung und der Illusion. Sie können das Problem zwischen Zeit und Schönheit nicht lösen.
Tempos Forderung nach Wahrheit gilt in diesem trotz allem katholischen Oratorium der Demut vor der Allmächtigkeit Gottes. In dieser Aufführung aber steht die Demut für die Eigenschaft des Menschen sich einzugestehen wer er ist und wie er sich dem anderen mitteilen kann. Tempo ist hier ein Getriebener, der beim Anblick der Jugend an die Endlichkeit des Lebens erinnert wird und deshalb nach dem Sinn des Lebens im Hier und Jetzt sucht. In diesem Zustand lehnt er die Schönheit ab. Seine Nähe zur Enttäuschung steht im Zeichen der Faszination für eine Frau, deren Niederlagen und Erkenntnisse Spuren menschlicher Abgründe offenbaren. Tempo mag ihr einst seine Zuneigung geschenkt haben, doch längst ist diese einer gemeinsamen Todessehnsucht gewichen. Anders bei Schönheit und Vergnügen: Die spielerische Zerstreuung zwischen den beiden lässt Zuneigung aufkeimen... Illusion oder Wahrheit? Und ist Empathie nicht die Quelle unseres Lebens?
Tempo sucht nach der Wahrheit im Jetzt, während die Enttäuschung diese in der tödlichen Spirale der Zerstörung findet. Sie negiert die Gegenwart zugunsten einer Zukunft, welche im Tod ihre Erfüllung findet. Dies ist die Wahrheit der Enttäuschten.
Dass die Schönheit am Ende dieser Aufführung bewusst der Zeit ins Auge schaut, ist ihrer Empathie geschuldet. Ein fragiler Zustand: in seiner Unmittelbarkeit aber wahrhaftiger, weil er einer Katharsis entspringt.
Die Einsicht der Schönheit ist, anders als zu Beginn, dass sie erkannt hat, wie sie sich dem Hier und Jetzt stellen muss. Ihr Antlitz spiegelt nicht nur ihre Seele wider, sondern auch ihre Empathie der Zeit gegenüber.
Bleibt also die im Oratorium triumphal vorgetragene Seelenrettung der Schönheit. Der für die Schönheit vorgezeichnete Weg unbedingter Gottesfurcht ist in dieser Aufführung verzweifelte Selbstbefragung.
Die Antwort liegt im Menschen selbst: Im Guten wie im Schlechten.
Die Seelenrettung obliegt der Musik. Sie ist Ausdruck des Lebens.
Wer, wenn nicht sie rettet den Menschen vor sich selbst? Für wen? Für uns alle! Das ist der wahre Triumph! Hurry up please, it’s time!
Xavier Zuber