WIR SIND CYBORGS
DER DRAMATURG KOEN BOLLEN UNTERHIELT SICH MIT JENNIFER WALSHE ÜBER VIDEOGAMES, WUNDERBOMBEN UND DIE JUGENDOPER "DIE TAKTIK", DIE SIE ZUR ZEIT FÜR DIE JUNGE OPER KOMPONIERT UND INSZENIERT.
Koen Bollen: Warum bist Du Komponistin geworden?
Jennifer Walshe: Weil ich es mag, Dinge zu machen. Wenn ich zurückschaue, dann war das eigentlich immer extrem klar, das ist lustig, aber ich habe es überhaupt nicht klar gesehen. Irgendwann war ich so von Musik absorbiert, dass ich Trompete studierte. Aber ich wollte eben lieber Dinge machen. Und was ich besonders liebe ist, bunte und glänzende Dinge zu sammeln. Wie eine Elster. Deshalb wechselte ich zur Komposition.
KB: Nach der Barbie Oper XXX_LIVE_NUDE_GIRLS für Kids, der Stuttgarter Zukunftsvision 2091 oder der Berliner Oper Commander Kobayashi, um einmal in die Kiste Deiner Opern und Performances zu greifen, folgt nun Die Taktik für die Junge Oper Stuttgart. Vier Sänger begeben sich auf eine intergalaktische Expedition. Man weiß nicht, sind sie Avatare oder Menschen, befinden sie sich in einem Raumschiff, in einem Labor oder einem Filmstudio. Sechs Musiker erzeugen nicht nur Klänge, sondern ordnen auch mal seltsame Fundstücke. B-Boys und Tricker spielen Tennis oder Schach. Was ist Die Taktik?
JW: Ich sehe Die Taktik als eine Art Meditation über Wunder. Ja, es geht um Spiele. Aber Spiele im weiteren Sinne, nicht nur um Videospiele, Schach oder Tennis, sondern um Evolutionsspiele. Und um die Art und Weise, wie wir sie spielen. Worauf ich immer wieder stoße ist diese Idee von Spiel, ernsthaftem Spiel, das immer noch Spaß ist, aber das man unverwandt spielt.
KB: Auch dann, wenn man eigentlich denkt, man spielt nicht?
JW: Genau. Wir spielen, wenn wir beschließen, was wir anziehen, oder ob wir vorne oder hinten im Bus sitzen wollen, wenn wir etwas bei eBay ersteigern. (Ich warte z.B. immer bis zur letzten Sekunde und steigere dann los, keine Autos oder so, zum Beispiel eine Schachtel mit gebrauchten Pferderosetten, dafür stelle ich mir den Wecker auch mitten in der Nacht. Einer meiner Freunde fand das unfair, OK, aber ich bekomme damit die Dinge, die ich haben möchte). Oder ob wir uns im Supermarkt bei der
Kasse für »Zehn Artikel und weniger« anstellen, obwohl wir elf Artikel im Einkaufswagen haben. Mal wollen wir uns einfach nur im Spiel verlieren, mal kämpfen wir ums Überleben. Wenn wir uns in der Welt umschauen, versuchen wir, Sinn darin zu sehen, indem wir in den Informationen, die auf uns einstürzen, nach Mustern suchen. Wir lernen, giftige Pilze von essbaren zu unterscheiden. Oder wir durchforsten
die Facebook-Nachrichten nach interessanten News.
KB: Welche Rolle spielen die digitalen Medien bei diesen Prozessen?
JW: Wir sind Cyborgs. Wir benutzen Google als Erweiterung unseres Hirns: Busfahrpläne lernen wir nicht mehr auswendig, sondern schauen sie im iPhone nach. Ein Großteil der Populärkultur ist heute ein Bienenschwarm von Bites: Nehmen wir die Videos von Lady Gaga oder Beyoncé: Sie sind richtiggehend überladen mit Informationen, sie zitieren oder spielen auf andere Videos an, mit denen dann jeder wieder irgendetwas verbindet.
KB: Das ist auch deine Arbeitsweise?
JW: Ja. Ich bin viel mehr daran interessiert, den Zuschauern so viel Information wie möglich zu geben, als ihnen eine Geschichte von A bis Z vorzuführen. Ich genieße es, Wunderbomben zu zünden und zu beobachten, wovon die Menschen wirklich getroffen sind. Ich weiß dass einige Kids Schach langweilig finden und sich dann vielleicht ihrem Handy widmen, andere wieder lieben Tennis. Die Taktik enthält für mich eine klare Message. Aber ich muss sie niemandem einhämmern, ich gebe den Zuschauern einfach die Möglichkeit, sich ihr auszusetzen.
KB: Du gibst den Kids viel Verantwortung. Der Konsum von Videospielen bei Jugendlichen und ihre Überpräsenz im Internet wird ja sehr sorgenvoll beobachtet...
JW: Das ist die bizarre Kehrseite der Social Media: Viele Kids fühlen sich einsam und isoliert. Genau für sie hat Die Taktik eine besondere Botschaft. Ich möchte mit ihnen darüber sprechen, dass wir alle miteinander verbunden sind. Denn sie hängen die ganze Zeit an ihren Handys oder in Facebook und wir denken, sie sind alle miteinander in Verbindung, aber in Wirklichkeit werden sie dort häufig einfach nur gemobbt. Aber es gibt ein riesiges Bedürfnis nach Verbundenheit. Eigentlich schreibe ich mit Die Taktik eine Art Brief an mich selbst als Teenager und sage mir rückwirkend, wie zauberhaft das Leben ist. Weißt du, ich habe meine Teeny-Jahre nicht wirklich genossen. Ich glaube, niemand tut das. Es ist eine ganz schön schreckliche Zeit für die meisten. Sogar wenn du Cheerleader bist, ich weiß nicht.
KB: Die Verbindungen, von denen du sprichst, sind anderswo?
JW: Genau in diesem Augenblick gibt es in diesem Raum zum Beispiel eine Menge Geräusche, die eine
Fledermaus oder ein Hund hören können, wir aber nicht. Elefanten kommunizieren durch Erderschütterungen. Und on top fluten hier dauernd Partikel durch uns durch, auch solche, die von der Sonne oder anderen Galaxien kommen. Wenn du daran denkst, dann ist das doch eine wunderschöne
Sicht auf das Leben.
KB: Du bist schon als Kind gerne in Computerspiele abgetaucht und tust es noch immer?
JW: Genau wegen diesen Überlappungen und Vernetzungen. Ich liebe es, mich mit Paralleluniversen oder Quantenphysik zu beschäftigen oder mit Videogames. Das Raumgefühl in den Spielen: Wir werden vertraut mit diesen massiven Architekturen, durch die wir uns bewegen und die wir in uns aufnehmen. Wir überwinden Zeit und Raum und unsere physischen und psychischen Grenzen.
KB: Ist das nicht ein immer wiederkehrendes Thema im Theater überhaupt?
JW: Klar, denk an die allerersten Opern, die auf dem Orpheus-Mythos basieren. Das ist eine Reise in eine
andere Dimension. Computerspiele haben alles davon und noch zwanzig mal mehr. In Die Taktik verwende ich Landschaften aus Computerspielen als eine Art ungeschnittenes Filmmaterial, als »footage«, um William Gibsons Buch Pattern Recognition zu zitieren. Man durchquert sie und scannt sie ab nach Mustern. In Gibsons Roman tauchen urplötzlich anonyme Filmclips im Internet auf. Sie scheinen
sich nach und nach zu einem Film zusammenzufügen, doch die Reihenfolge bleibt rätselhaft. Ich hoffe, dass nie jemand auf die Idee kommt, aus diesem Buch einen Film zu machen, denn ich möchte nie die Lösung wissen. Ich möchte nur das wissen oder ahnen, was in meinem Hirn ist. Es sind solche Bilder, die einem eine Spur irgendwohin legen.
KB: Welche ganz besondere Taktik braucht es, sein Leben gut zu leben?
JW: Ich denke, wir müssen lernen, die Taktiken, die wir im Leben benutzen, zu beobachten. Genau darum geht es auch in dieser Oper. So dass das Dasein nicht ein zielorientiertes Null zu Null-Spiel wird, sondern die Erfahrung eines frei konstruierten Lebens.
Redaktion: Barbara Tacchini